Epochale Wandlungsprozesse: Südverschiebung des Christentums und ihre Auswirkungen – Symposium zum 65. Geburtstag von Andreas Heuser, 13./14. Februar 2026

Autor:innen: Moritz Fischer, Wilhelm Richebächer, Claudia Hoffmann, Veit Arlt

 

Unter dem programmatischen Titel “Epochale Wandlungsprozesse: Südverschiebung des Christentums und ihre Auswirkungen“ fand am 13. und 14. Februar 2026 an der Theologischen Fakultät der Universität Basel ein wissenschaftliches Symposium statt, das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gefördert wurde. Das Symposium wurde gemeinsam von der Theologischen Fakultät und dem Zentrum für Afrikastudien der Universität Basel sowie der Deutschen Gesellschaft für Missionswissenschaft (DGMW) organisiert. Die DGMW wird seit 2019 von Andreas Heuser als Vorsitzendem geleitet, nachdem er bereits seit 2015 als stellvertretender Vorsitzender tätig war.

Die Veranstaltung griff aktuelle Debatten auf, die Andreas Heuser, Professor für aussereuropäisches Christentum (mit Schwerpunkt Afrika), in den letzten Jahren massgeblich mitgeprägt hat. Im Zusammenhang mit Andreas Heusers 65. Geburtstag (20.2.2026) ging es bei dem Symposium keinesfalls um eine simple Rückschau auf sein vielseitiges wissenschaftliches Wirken im Rahmen des Faches »Interkulturelle Theologie«. Das Symposium diente vielmehr als Plattform, um zentrale von Heuser angestossene Fragestellungen weiterzuführen und die »epochalen Wandlungsprozesse«, die Transformationsprozesse im gegenwärtigen Christentum überhaupt, kritisch zu diskutieren. Das Symposium nahm sich der unterschiedlichen Facetten an, welche die Südverschiebung des Weltchristentums impliziert. Roter Faden der Tagung war die Erkenntnis, dass diese im Zusammenhang weltweiter Migrationsbewegungen stehen, die den gesamten Globus betreffen und sich in alle Himmelsrichtungen erstrecken. Die Zusammensetzung der Referent:innen spiegelte sowohl die internationale Reichweite als auch die interdisziplinäre Breite von Heusers Forschung wider. Viele der eingeladenen Wissenschaflter:innen stehen seit vielen Jahren in fachlichem Austausch mit Heuser oder arbeiten in diversen Projekten mit ihm explizit zusammen. Zugleich trugen die internationale, generationelle und geschlechtliche Diversität der Vortragenden und Teilnehmenden wesentlich zur inhaltlichen Dynamik und zum Erfolg des wissenschaftlichen Austauschs bei. Im Publikum waren zudem wichtige kirchliche und wissenschaftliche Netzwerke wie Mission 21 und Glopent vertreten, die zur weiteren Vernetzung und Diskussion beitrugen.

Das Programm, das konsequenterweise fast durchgehend auf Englisch durchgeführt wurde, eröffnete am Freitag, 13. Februar, die Dekanin der Theologischen Fakultät, Andrea Bieler, mit einem Grusswort. Darauf folgten die Begrüssung und Einführung in das Symposium seitens des Vorbereitungsteams (Claudia Hoffmann, Rahel Weber und Veit Arlt in Verbindung mit Wilhelm Richebächer und Moritz Fischer).

Als Keynote ist der eröffnende Beitrag von Simone Sinn (Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster) zu verstehen mit dem Titel »Ökumene, Migration und Christentum«. Sie verwies, ausgehend von der überarbeiteten Neuauflage der Charta Oecumenica (2025) darauf, dass »Fremdsein« ein integrales Motiv des Christseins ist, dessen Stellenwert sich zwar historisch und theologisch belegen lässt, aber bei weitem nicht die Beachtung erfährt, die ihm zukommen müsste. Die stetige Frage von christlichen Migrant:innen nach ihrer Zugehörigkeit (belonging) lasse das Christentum zunehmend als eine »border religion« erscheinen, deren
Identität wesentlich durch Mobilität und Grenzerfahrungen geprägt ist.

Der darauffolgende zweite Beitrag war als akademisches Gespräch zum interkulturellen bzw. missionshistorischen Konzept der »there-centricity« konzipiert. Im Zentrum steht dabei ein Perspektivenwechsel in der Rekonstruktion von Missionsgeschichte, der die Akteur:innen des Globalen Südens in den Fokus rückt. Ausgangspunkt dieses Ansatzes ist die Arbeit von Paul Jenkins (Universität Basel), Afrikahistoriker und ehemaliger Leiter des Archivs der Basler Mission, der als Genius des Konzeptes eine erste Veröffentlichung dazu im Jahre 2015 vorgelegt hatte. Später nahm Andreas Heuser den konzeptionellen Faden auf und verhielt sich dazu in zwei eigenen Veröffentlichungen von 2016 und 2024. Moritz Fischer (ehem. FIT Hermannsburg) schaltete sich nun in dem von ihm verantworteten Konferenzbeitrag in diesen bisher schriftlich verlaufenden Dialog Jenkins-Heuser als Diskutant mündlich ein. Zusammen mit Veit Arlt (Zentrum für Afrikastudien an der Universität Basel), der den erkrankten Paul Jenkins vertrat, erläuterte er die Entstehungsgeschichte von »there-centricity« in Jenkins’ biographischem Kontext (Ghana der 1960er-70er Jahre). Hier wurde nun Heuser selbst eingeladen, sich anhand von drei Fragen in die Debatte einzuschalten, in welche schliesslich das Auditorium einbezogen wurde.

Abimbola Adelakun (Associate Professor of Global Christianity an der Divinity School der University of Chicago) überschrieb ihren Beitrag mit: »Prosperity Gospel, Dominion Theology, and the Transformation of Christianity in the Global Sout«. Sie erläuterte, dass und warum der explosive Aufstieg der Pfingstbewegung im globalen Süden nicht vom sogenannten »Wohlstandsevangelium« getrennt werden kann. In ihrer kritischen Analyse stellte sie dar, wie diese religiöse Lehre Millionen von Menschen verspricht, dass sie die Hindernisse ihrer persönlichen Umstände, die Einschränkungen ihres sozialen Hintergrunds und die Lähmung durch die wirtschaftliche Situation ihrer Gesellschaft angeblich überwinden können. Die Pfingstbewegung, die einst an der Spitze der kulturellen Globalisierung und des kulturellen Aufstiegs stand, sei nun beklagenswerter Weise in Abhängigkeit geraten von wirtschaftlichen Quellen und Netzwerken der Macht, die durch globalisierte Technologie zugänglich sind.

Samuel Sarpaning (Universität Basel) behandelte in seinem Vortrag das philosophische Konzept »Okra« der Akan-Kultur Süd-Ghanas, das auf historisch nachzuvollziehende Verflechtungen zwischen religiösen und philosophischen Traditionen verweist (The Akan Concept of Okra and the History of Religious and Philosophical Entanglement). Die Response auf diesen Vortrag, in den Wilhelm Richebaecher (ehem. FIT Hermannsburg) einführte, hielt Benjamin Simon (DM-échange et mission, Lausanne sowie Universität Lausanne). Sarpaning strich die kulturelle Nicht-Übersetzbarkeit des Okra-Konzepts in abendländische theologisch-philosophische Kategorien heraus. Es steht (vielleicht entfernt verwandt mit dem Konzept der Imago Dei) für eine in der Beziehung zu Gott verankerte Bestimmung des Menschen, die ihn an seine göttliche Herkunft erinnert und nach dem irdischen Leben in die geschöpfliche Integrität zurückführen soll. Das hat Folgen für eine christliche Anthropologie, aber auch Christologie und Soteriologie, welche sich im Kontext der Okra-Vorstellungen bildet. Benjamin Simon lobte den Ansatz Sarpanings v.a. wegen seiner mutigen Aufnahme der einem westlichen Individualismus widersprechenden Okra-Konzeption. Die göttlich begründete Identität der Menschen lässt weniger Schuld, als vielmehr das Ungleichgewicht menschlicher Existenz zum Äquivalent der Versöhnungsbedürftigkeit werden. Wiederum wird Christus stärker als Wiederbringer der Harmonie und Heiler ontologischer Brüchigkeit, denn als Retter und Erlöser konturiert.

Su San (Theologische Fakultät der Universität Rostock) präsentierte erste Forschungsergebnisse zum Thema: »FBOs/RNGOs and Myanmar refugees/migrants at the Thai- Myanmar border«. In ihrer Untersuchung hinterfragte sie die Rolle von Geflüchteten und Migrant:innen aus Myanmar, die in Lagern an der thailändisch-myanmarischen Grenze gestrandet sind. Ihre Feldforschungen lassen eindeutig erkennen, dass sich »at the margins« eine spezifische Theologie entwickelt. Diese wird insbesondere durch Frauen konturiert. Ihre täglichen Praktiken eines gelebten, geschlechtsspezifischen Glaubens lassen erkennen, wie sie ein Leben an der Grenze gestalten und Resilienz entwickeln. San fing bei ihren qualitativen Studien in den Lagern Stimmen und Praktiken ein, die, qualitativ analysiert zeigen, wie herkömmliche epistemische Hierarchien ins Wanken geraten oder schlichtweg funktionslos werden, wo es keine stabilen Institutionen mehr gibt, auf die man sich verlassen könnte. Frauen sind als Akteurinnen identifizierbar. Durch sie manifestiert sich eine neue sogenannte »plastic bag theology« innerhalb der Lager. Diese Version einer Theologie der Migration »geschieht« durch alltägliche Handlungen des Überlebens, durch Gebete, und durch den Austausch von Erfahrungen und durch gemeinschaftliche Gottesdienste.

Omar Kasmani (Freie Universität Berlin) sprach zu: »Religious Dreams, Queer Visions: an Autotheoretical Account«. Basierend auf langjähriger ethnografischer Forschung und Erkenntnissen aus Queer Studies und Affekttheorie zeigt Kasmani, wie sich Beziehungen ausserhalb der geschlechtsspezifischen Normen ihrer Gesellschaft etablieren und Personen sich damit von den für sie vorgesehenen Rollen als Vater oder Mutter, Ehemann oder Ehefrau, Sohn oder Tochter distanzieren. Damit können diese Beziehungen zum Mittel werden, um eine intime Verbindung zu pakistanischen Heiligen des Sufismus herzustellen, und darüber hinaus zu einer Form der »queeren« Weltanschauung werden. Im nationalen Kontext Pakistans, wo Schreine und religiöse Stätten nach wie vor in die staatliche Infrastruktur der Regierungsführung integriert sind, stellt Omar Kasmanis Beschreibung der Behandlung von Heiligen eine Konfrontation mit inoffizieller Geschichte und öffentlichen Formen des Affekts dar. Bemerkenswert war dabei auch die bewusst poetische Form der Präsentation, die alternative Formen wissenschaftlicher Darstellung erprobte.

Franz Gmainer-Pranzl (Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen an der Universität Salzburg) sprach abschliessend die Laudatio auf Andreas Heuser. Er würdigte insbesondere Heusers Beiträge zu Themen wie »Gesellschaft und Religion in Afrika«, »Pentekostalismus«, »Religiöse Hilfsorganisationen« oder »Netzwerke der Neuen Apostolischen Reformation in den USA«. Gmainer-Pranzl stellte dabei vergleichbare Strukturen des Denkens von Heuser mit dem Schaffen von Bernhard Waldenfels heraus. Bei letzterem handelt es sich um einen Vertreter der Schule der »interkulturellen Philosophie«, der hervortrat mit seiner Theorie einer »Philosophie der Responsivität«, mit welcher zu korrespondieren scheint, wenn Heuser uns, als mit ihm selbst Mitdenkende in eine Haltung versetzt, die von uns eine je eigene theologische wie politische Antwort einfordert. So werde in Andreas Heusers Wirken eine Hauptlehre der Nord-Süd-Verschiebung der christlichen Theologie stetig spürbar, dass westliche Theologie das ihr Fremde nicht durch Einordnung und Erklärung in den eigenen hermeneutischen Rahmen begreifen kann, sondern durch die in der Beunruhigung durch das ihr Fremde zum Verstehen in Responsivität angeregt wird.

Den Abschluss des wissenschaftlichen Austauschs bildete eine Führung durch die Ausstellung »Erinnerung« im Museum der Kulturen Basel. Die Ausstellung eröffnete eine kulturwissenschaftliche Perspektive auf die vielfältigen Praktiken, durch die Gesellschaften Erinnerungen konstruieren, aushandeln und weitergeben. Für den Fachbereich der Interkulturellen Theologie, zu dessen Weiterentwicklung der wissenschaftliche Austausch einen Beitrag leistete, sind solche Perspektiven von besonderer Bedeutung. Sie machen deutlich, dass religiöse Traditionen, Identitäten und theologische Deutungen stets in kulturelle Praktiken eingebettet sind. Der Besuch der Ausstellung erweiterte damit die wissenschaftlichen Diskussionen des Symposiums um eine materielle und kuratorische Dimension. Damit wurden für den Fachbereich wichtige Fragen der Auseinandersetzung mit kulturellen Artefakten und Narrativen angestossen und neue methodische und hermeneutische Impulse gesetzt.

Moritz Fischer ist Professor emeritus für Formen des Weltchristentums und Missionsgeschichte an der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie Hermannsburg.
Wilhelm Richebächer ist Professor emeritus für Systematische Theologie an der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie Hermannsburg.
Claudia Hoffmann ist Professorin für Interkulturelle Theologie an der Universität Heidelberg.
Veit Arlt ist Geschäftsführer des Zentrums für Afrikastudien an der Universität Basel.

Copyright Fotos © Claudia Hoffmann

Aktuelles

  • Im Seminar für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät (Fachbereichs 1) der Universität Münster ist zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine Stelle als Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in (E 13 TV-L) zu besetzen. Angeboten wird eine für 3 Jahre befristete Vollzeitstelle. Die Lehrverpflichtung beträgt bei Vollzeit 4 SWS.

  • Am Dienstag, den 20. Januar 2026, um 18 Uhr c.t. werden Prof. Dr. Claudia Jahnel vom Institut für Interkulturelle Theologie und Religionswissenschaft, Prof. Dr. Felix Roleder vom Institut für Praktische Theologie und Prof. Dr. Eckart David Schmidt vom Institut für Neues Testament ihre Antrittsvorlesungen halten. Das gemeinsame Thema der Vorträge der drei Professor*innen lautet „Theologie und Konflikt“. Die Veranstaltung wird in der Edmund-Siemers-Allee 1, 20146 Hamburg, Flügelbau Ost, R. 221 stattfinden.

  • Die Evangelische Mission Weltweit e.V. (EMW) mit Sitz in Hamburg ist eine Gemeinschaft von evangelischen Kirchen, Werken und Verbänden in Mission und Ökumene. Neun Missionswerke, fünf Freikirchen, fünf Verbände und die Evangelische Kirche in Deutschland bilden den Dachverband der evangelischen Missionswerke. Gleichzeitig agiert die EMW als Fachverband für ökumenische Weltmission und Missionstheologie für Mitglieder und assoziierte Organisa​tionen. Für die Nachfolge des ausscheidenden Direktors suchen wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine engagierte und profilierte Persönlich​keit und Theolog*in als:

  • Qualifications and Special Requirements: • Post Graduate (minimum Master Degree, preferably Doctorate) in theology, missiology. • Proven experience or expertise in education. • Solid knowledge of ecumenical missiology • In depth knowledge of theological issues relating to missiology and its impact on the life of the churches. • A strong track record of academic publishing, evidenced by books and articles commensurate with the experience of the applicant. • Good command of written and spoken English. Knowledge of other languages (French, German, and Spanish) is an asset. • Experience in working sensitively in multi-cultural and ecumenical settings.

  • Post- und dekoloniale Diskurse prägen in jüngster Zeit zunehmend die Bemühungen um interkulturelle Verständigung. Kommunikations- und Wissenskonflikte lassen sich aber nicht nur entlang von Religionsgrenzen beobachten, sondern zunehmend auch innerhalb der ökumenischen Bewegung selbst. Nicht nur Machtansprüche oder Ideologien stehen sich gegenüber, sondern auch Wissensbestände und Theorien, kulturelle „Traditionen“ und religiöse Überzeugungen.